Mittwoch, 18. Juli 2018

Alice und ihre Welt - Kolumne von Gesina St├Ąrz

Mein Smartphone und ich gehen einen Kaffee trinken

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Ist ein Smartphone ein guter Ersatz f├╝r einen

Rhein-Neckar, 04. Juni 2012. Ist ein Smartphone ein guter Ersatz f├╝r einen „echten“ Begleiter? Geht der Trend zum Secondhand-Leben? Dar├╝ber macht sich Gesina so ihre Gedanken.

Gerhard Polt wurde vor kurzem 70 Jahre alt. Er wird halt ├Ąlter, wie er selbst sagt, was keineswegs mit dem Wort ÔÇ×altÔÇť und seiner Bedeutung zu verwechseln ist. Denn alt ist, wer nicht mehr aktiv am Leben teilnimmt, vorm Fernseher herumh├Ąngt und das Leben aus zweiter Hand aus den Medien erf├Ąhrt.

Nach der Definition k├Ânnen auch junge Menschen als alt bezeichnet werden, so sagt es der am Schliersee lebende Kabarettist. Und nach seinen Beobachtungen gibt es dar├╝ber hinaus einen Trend zum Secondhand-Leben.

Heute tauschen sich die Menschen sehr h├Ąufig ├╝ber das aus, was sie vermittelt durch Medien erlebt haben: also im Fernsehen gesehen, im Internet entdeckt oder in den Zeitungen gelesen. Ja, so ist das. Und das ist noch nicht alles.

Real oder virtuell?

Wir Menschen sind uns dank der Medien so nah und dabei gleichzeitig so fern, dass man meinen k├Ânnte, ein und derselbe Mensch wandere zwischen Parallelwelten hin und her, und nur gelegentlich befinden wir uns in der Welt, die wir real nennen, in der es Ger├╝che gibt, etwas zu essen und das nat├╝rliche Bed├╝rfnisse, das Gegessene in verarbeiteter Form wieder loszuwerden.

Ach ja, das Atmen nicht zu vergessen, und das Trinken. Einen Cappuccino zum Beispiel oder einen Latte Macchiato. Das geht nur real, nicht virtuell, aber nat├╝rlich mit virtueller Begleitung. W├Ąhrend ich dies schreibe, sitze ich in einem Caf├ę in Mannheim und mir gegen├╝ber an einem Tisch eine junge Frau, vielleicht Anfang 20, die Konturen um die Augen schwarz nachgezogen, die Haut blass, der Blick gelangweilt, vor einer Jumbotasse Milchkaffee.

Es ist ├╝brigens ein Caf├ę mit einem wunderbaren Blick auf den Rhein. Sitzt man in erster Reihe, dann ist man dem Wasser so nah, dass man das Gef├╝hl hat, man gleite knapp ├╝ber der Wasseroberfl├Ąche dahin.

Begleiter, die nicht da sind ÔÇô eigentlich

Zur├╝ck zur jungen Frau. Sie sitzt zwar allein am Tisch, aber sie ist dennoch nicht allein. Neben der Jumbotasse Milchkaffee liegt ihr virtueller Begleiter, ein Smartphone. Gelegentlich gibt ihr virtueller Begleiter T├Âne von sich, dann liest sie von seinem Display etwas ab, l├Ąchelt, tippt auf ihm herum und nimmt einen Schluck Kaffee.

Manchmal spricht sie in ihren virtuellen Begleiter hinein, gibt ihre Position durch, fragt nach seiner Position, erkl├Ąrt, dass sie nichts macht und auch noch nicht wei├č, was sie sp├Ąter machen wird. Dann legt sie auf und surft offensichtlich via Smartphone im Internet. Vielleicht brauchte sie neue Erlebnisse, neue Informationen, neue Nachrichten aus der virtuellen Welt, um etwas zum Erz├Ąhlen zu haben.

Vielleicht waren es Kaffeehausg├Ąste wie diese junge Frau und ihre virtuellen Begleiter, die Gerhard Polt beobachtete und die ihn zu seiner Secondhand-Erlebnisweltthese brachten.

Gehirnkapazit├Ąt outsourcen

Aber nicht nur Kabarettisten machen sich Gedanken ├╝ber die Auswirkungen der medialen Welt auf unser Leben, auch Philosophen. David Chalmers, einer der bedeutendsten Philosophen unserer Zeit, kauft sich nicht einfach nur ein iPhone, er denkt auch ├╝ber ein solches nach.

Ebenso Andy Clark, auch Philosoph. Ihre Thesen lauten: Wir erweitern unseren Geist, das Mentale ist ├╝berall in der Welt. In Google zum Beispiel und in anderen Suchmaschinen zu denen wir via Hardware Zugang haben. Unsere Gehirne outsourcen sozusagen Ged├Ąchtnisfunktionen und haben dann freie Kapazit├Ąten f├╝r andere Leistungen.

Offensichtlich ist uns das noch gar nicht bewusst. Wir stecken in den Kinderschuhen gro├čer Entwicklungen. Wir haben die M├Âglichkeit, kognitive Leistungen zu outsourcen. Damit erschlie├čen sich freie Geisteskapazit├Ąten. Ist das nicht so, als w├╝rden sich uns v├Âllig neue Ressourcen erschlie├čen, wie einst zu Beginn der Industrialisierung die Rohstoffvorkommen unserer Erde?

Jetzt haben wir Unmengen von freien Denkkapazit├Ąten zur Verf├╝gung. Nur, wozu nutzen wir diese? Sollten nicht schon unsere Kinder in Kinderg├Ąrten und Schulen darauf vorbereitet werden?

Die junge Frau mir gegen├╝ber schlie├čt Kopfh├Ârer an ihr Smartphone an und st├Âpselt sie ins Ohr. Sie h├Ârt vermutlich Musik. Ich studiere ihren Gesichtsausdruck in der Hoffnung, herauszufinden, was sie h├Ârt. Sie ist blass und schaut ein wenig gelangweilt ÔÇô alles unver├Ąndert. Vielleicht sollte ich sie anrufen oder ihr eine SMS schicken?

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.