Mittwoch, 18. Juli 2018

Gabis Kolumne

Von Helden und Abenteurern

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Ein bischen Schwund ist immer, das Auto fĂ€hrt schließlich auch ohne TĂŒrgriff.

Rhein-Neckar, 05. November 2012. Gib MĂ€nnern eine Aufgabe und je hoffnungsloser die ist, umso mehr werden sie sich anstrengen. Nimm ihnen aber nie die Hoffnung, sondern habe immer eine ErklĂ€rung parat, wenn die Aufgabe nicht zu lösen ist. Motto: Hauptsache Held, ob glorreich oder bescheiden. Was Tiefenpsychologie und Autoschlösser gemein haben, weiß Gabi.

Das Kind im Manne wird ja immer wieder gerne bemĂŒht. Erwachsene Kerle spielen mit der Eisenbahn, sammeln Panini-Aufkleber oder stellen im Keller eine Carrera-Bahn auf. Alles oft gesehen und nicht wirklich verwunderlich.

Barbie-spielende Frauen gibt es dagegen eher selten.

Doch das Ganze kann auch noch getoppt werden. Wie ich schon berichtet habe, ist mein Sohn vor kurzem ausgezogen und der Umzugstag hielt so einige Überraschungen bereit.

Der Sprinter stand vollgepackt und zur Abfahrt bereit im Hof und mein Sohn brachte nur noch die wichtigen Dinge wie Computer, Anlage und die Tasche mit seinen Unterlagen in seinen neu gekauften alten Golf.

FĂŒnf Minuten spĂ€ter kam er blass zurĂŒck und meinte, die Abfahrt wĂŒrde sich jetzt vermutlich verschieben. Der AutoschlĂŒssel – der einzige !! – lag im Kofferraum des zentralverriegelten Autos. Der Wagen war samt Inhalt hermetisch abgeschlossen und vier junge Kerle diskutierten wild, wie man nun dieses Auto knacken könnte.

Ein technisch versierter Freund meines Sohnes brachte die Tennisball-Methode ins Spiel. Laut Physik-Unterricht in der Schule könne man mit Hilfe eines mit einem Loch versehenen Tennisballs ein Schloss öffnen, erklĂ€rte er uns. Doch wĂ€hrend ich mich im Haus noch auf Ballsuche machte, kam meine Tochter dazu und meinte, „das könnt‘ ihr vergessen, ich hab’s grad gegoogelt und das funktioniert ĂŒberhaupt nicht“.

Inzwischen war auch ein Nachbar zur Hilfe geeilt, der mit leuchtenden Augen und guten Ideen vor dem verschlossenen Golf stand. „Mensch, Klaus“, meinte ich, „wenn du weißt wie man einen Golf knackt, dann hau rein, ich verrat’s auch keinem“.

GefĂŒhlte Stunden spĂ€ter, standen inzwischen vier junge und ein Ă€lterer Kerl fachmĂ€nnisch diskutierend um den Golf. Aber es tat sich nichts.

„Da hilft jetzt nur noch mein Mann Alberto“, sagte meine Freundin, die inzwischen herbei geeilt war, um mit mir Kaffee zu trinken und das Geschehen zu beobachten. „Wenn nicht ein Italiener ein Auto aufmachen kann, wer dann?“

Zehn Minuten spĂ€ter kam Alberto in seinem schwarzen Alfa Romeo vorgefahren und packte seinen Werkzeugkoffer aus dem Kofferraum. Eine Drahtschlinge hatte er vorsorglich vorbereitet und mit großer Grandezza machte er sich ans Werk.

Und siehe da, nach kĂŒrzester Zeit waren die Knöpfchen oben, aber der Golf blieb verriegelt. „Blockverriegelung“, diagnostizierte der Freund meines Sohnes, der mal Ingenieur werden möchte.

Frauen holen sich Hilfe, MÀnner suchen eine Lösung

WĂ€hrend Frauen sich in diesen Situationen Hilfe holen, zunĂ€chst bei MĂ€nnern, dann bei Fachleuten, erwacht in solch‘ aussichtsloser Lage bei MĂ€nner willenloser Ehrgeiz, oder netter formuliert, der unaufhaltsame Wunsch, eine Lösung zu finden. MĂ€nner sind erfolgsorientiert, es muss ein Resultat her. Welches, ist egal. Hauptsache ein Ergebnis.

Nach einer weiteren halben Stunde qualifizierter Diskussion und handwerklichen Geschicks, hatten sie ein Resultat und den TĂŒrgriff der BeifahrertĂŒr in der Hand – und das Auto blieb geschlossen – das nagte an den stolzen MĂ€nnern.

Das Ergebnis war die Erkenntnis des eigenen Scheiterns. Die Ausweglosigkeit der Lage souverÀn anerkennend, zeigte man(n) sich nun bereit, den ADAC zu rufen. Und keine 20 Minuten spÀter war der Fachmann vor Ort.

„Das ist das erste Golf-Modell mit Blockverrieglung, da kann ich nichts machen. Da haben sich die Ingenieure was bei gedacht“, erfuhren wir von dem „Gelben Engel“. Welch‘ Wohltat fĂŒr die verhinderten Autoknacker, es hatte also nicht an ihrem hervorragenden Können, sondern schlicht und einfach an der noch ĂŒberragenderen Technik gelegen. „Sie mĂŒssen einen SchlĂŒssel beim Werk nachbestellen und das kann dauern“, erklĂ€rte er uns.

„Das können sie den Jungs nicht antun. Die mĂŒssen in drei Tagen mit dem Studium beginnen und alles Wichtige dafĂŒr befindet sich in diesem Auto“, appellierte ich an seinen Helferinstinkt, denn schließlich ist auch der „Gelbe Engel“ ein Mann.

„Na ja, vielleicht könnte man die Batterie abklemmen, dann mĂŒsste sich die Verriegelung lösen, aber dazu muss man erst mal die Motorhaube öffnen und dafĂŒr brauche ich einen langen, starken Draht“, ĂŒberlegte der Mann vom ADAC.

Klare Ansage, sofort stĂŒrmten alle Umstehenden los und schafften in kĂŒrzester Zeit eine Auswahl an Hilfsmitteln heran.

Jetzt ging alles ganz schnell, mit einem Keil wurde fachmĂ€nnisch ein Spalt zwischen AutotĂŒr und Rahmen geschaffen und mit einer Tomatenkletterstange – man glaubt es kaum – wurde der Hebel fĂŒr die Motorhaube im Fußraum betĂ€tigt. Die Batterie wurde abgeklemmt und Simsalabim öffneten sich die AutotĂŒren.

Was noch zu berichten ist: Der Umzug selbst war ein Kinderspiel, denn das grĂ¶ĂŸte Abenteuer hatten die Helden schon hinter sich.

gabi

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.