Sonntag, 24. September 2017

Geprothmannt: Warum der Titel-Entzug richtig ist und weitere Konsequenzen haben sollte

Diebstahl zerstört den Glauben und die Würde – nicht nur der Diebe

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Rhein-Neckar, 11. Februar 2013. Karl-Theordor zu Guttenberg (CSU), Silvana Koch-Mehrin (FDP), Annette Schavan (CDU) sind ganz unterschiedliche Typen von Politiker/inen und haben doch eins gemein: Sie haben bei Erlangung der Doktorwürde getäuscht und geklaut oder stehen im begründeten Verdacht, sich die geistigen Leistungen anderer zum eigenen Nutzen angeeignet zu haben. Aktuell ist Frau Schavan ihren Posten als Bundesgesundheitsministerin los. Ihr Rücktritt war richtig – doch vieles läuft falsch. Beispielsweise die Debatte über ein politisches Wirken und einen „Fehler“ in der Vergangenheit. Diese „Fehler“ dauern bis heute an und es wäre von Vorteil, wenn man daraus lernt und Konsequenzen zieht. Sonst bringt die Debatte nichts.

Von Hardy Prothmann

Plagiatoren stehlen die geistige Leistungen anderer und nutzen sie zum eigenen Vorteil. Immer wieder. Sofort durch Diebstahl und Täuschung beim Erstellen einer „Arbeit“. Später immer wieder, jeden Tag, an dem sie den Titel tragen und sich beim Titel nennen lassen, den Titel als Ausweis ihrer Qualifikation für die eigene Karriere nutzen.

Plagiatoren gab es schon in der Antike

Plagiatoren gab es schon immer – sie sind Teil der Kulturgeschichte. Ein „Plagi?rius“ ist in der ursprünglichen Bedeutung ein „Menschenräuber“ oder „Seelenverkäufer“. Bereits in der Antike wurden Plagiatoren verachtet und es gab schon damals „Plagiatsjäger“, die Diebe geistigen Eigentums überführt haben – ebenso wie Kritiker der Plagiatsjäger, die diesen „Kleingeistigkeit“ unterstellten.

Diese Argumentation, wenn der Jäger zum Gejagten wird, ist dumm und kennt jeder Journalist, der über Verfehlungen anderer Menschen berichtet. Sehr oft gibt es Unterstellungen über die „niederen Motive“ der Berichterstatter – gerne wird dabei vergessen, dass die Verfehlung vor dem Bericht darüber begangen worden ist. Aktuell wird der Plagiatsjäger Martin Heidingsfelder teils in ein schlechtes Licht gerückt – lässt er sich doch teuer von „unbekannten Auftraggeber“ dafür bezahlen, Promotionen auf wissenchaftliche Redlichkeit zu überprüfen.

Na und? Staatsanwäte werden auch bezahlt, um Informationen zu Schuld oder Unschuld eines Beschuldigten zu sammeln. Rechtsanwälte dafür, Argumente für oder gegen jemanden zu finden und zu begründen. Gutachter, um festzustellen, wer der Verursacher eines Unfalls war.

Gelehrte oder Geleerte?

Fest steht, dass die Universitäten Bayreuth (zu Guttenberg), Düsseldorf (Schavan) und Heidelberg (Koch-Mehrin) den jeweiligen Doktortitel nach Prüfung entzogen haben. Wenn dagegen geklagt wird, wie aktuell durch Frau Koch-Mehrin, dient die Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht nicht dazu, den Doktortitel inhaltlich zu bestätigen oder abzulehnen, sondern nur, ob die Universität einen Verfahrensfehler begangen hat. Und hier wird es sehr eklig.

Die Plagiatoren haben andere geschädigt und – noch viel schlimmer – die Glaubwürdigkeit derer, die sauber arbeiten. Die sich anstrengen, die korrekt zitieren, sich nicht mit fremden Federn schmücken und im Sinne des Geistes der Wissenschaften für die Forschung und für die Gesellschaft eine herausragende Arbeit abliefern. Eine an die man „glauben“ kann und die geeignet ist, die „Würde“ der Wissenschaft zu wahren. Beides Glaube und Würdigkeit werden durch Plagiatoren dieses Kalibers – in den höchsten Ämtern unserer Demokratie oder herausragenden Parteifunktionen nachhaltig geschädigt.

Daraus entsteht ein Kollateralschaden, der zu noch mehr Politikverdrossenheit führt:

Ich glaube keinem von denen mehr,

haben sicher sehr viele Menschen resigniert beschlossen, nachdem sie erst irritiert über die Vorwürfe waren, dann an die Würde der Beschuldigten glaubten, um später mitzuerleben, wie würdelos und unglaubhaft sich diese „Vorzeige“-Personen präsentierten.

Beschämung ohne Scham

Das ist beschämend. Für die Wissenschaft, für die Menschen, die an Vorbilder glauben, für die bestohlenen Urheber. Die Betrüger – denn nichts anderes sind Plagiatoren – verhalten sich unverschämt. Was soll man anderes erwarten? Von jemandem, der die Hochschulreife (Abitur) erlangt hat, meist ein mindestens fünf Jahre langes Studium absolviert hat und dann noch eine mehrjährige Promotionsphase hinter sich gebracht hat? Jemand, der in Summe mehr als 20 Jahre in Ausbildung bis zum „Doktor“ ist und behauptet, er habe etwas „übersehen“ oder „unabsichtlich“ gehandelt, lügt entweder oder beweist damit, dass er nach all der Zeit nichts verstanden hat und allein deshalb schon nicht „den Doktor“ als Titel verdient.

Es ist gut und richtig, dass diese Betrüger nun zittern müssen, dass ihnen jemand auf die Schliche kommt. Und es ist gut und richtig, wenn alle „Doktoren“ ab sofort wieder zur eigentlich selbstverständlichen, peinlichen Genauigkeit zurückfinden.

Redaktionsintern haben wir darüber diskutiert – durchaus mit unterschiedlichen Positionen. Ein Ergebnis ist aber klar: Auch die Wissenschaft als System, also die Universitäten und ihre Professoren müssen auf die Plagiatorenskandale reagieren. Sie sind mit verantwortlich, genau zu prüfen, ob wissenschaftliche Standards eingehalten worden sind. Sie müssen selbst das System der Plagiate abschaffen. Wie viele Professoren gibt es, die die Arbeit ihrer Studenten für „eigene Arbeiten“ „auswerten“ – ohne die Urheber zu nennen?

Klare Haltung: Ordentliche Zitation ist Pflicht

In unserer Redaktion ist es selbstverständlich, dass die Urheber genannt werden. Auch, wenn ein Autor die Hauptarbeit macht und ein anderer in Teilen (wesentlich) mitwirkt. Die Zitation fremder Quellen ist Pflicht. Da gibt es kein Vertun, sondern die klare Ansage, dass Quellen immer ordentlich benannt werden – die einzige (seltene) Ausnahme ist, dass wir zum Schutz der Quellen diese nicht nennen oder verschleiern (müssen). Jeder Mitarbeiter wird darüber informiert, dass ein Kopieren fremder Inhalte das Ende der Mitarbeit bedeutet.

Diese redaktionelle Haltung ist nicht selbstverständlich. Das Mediensystem ist noch viel versauter, was Plagiate angeht, als die Wissenschaft. Hier wird täglich im großen Stil geklaut und getäuscht. Und ausgerechnet diese Medien spielen sich als „Moralwächter“ auf. Das erinnert leider teils an absurdes Theater.

Für Medien gelten andere Produktionsmaßstäbe als für die Wissenschaft – wir schreiben keine Artikel mit einem Wust von Fußnoten mit Quellenhinweisen. Das ist auch meist nicht nötig, weil die Zahl der Quellen für einen Artikel überschaubar bleibt und im Text hinreichend gekennzeichnet werden kann.

Eine Frage des Anstands

Wer wie informiert oder wer wie einen Titel anstrebt, muss sich immer die Frage der eigenen Verantwortung stellen und im Zweifel Antworten geben oder Konsequenzen ziehen. Frau Schavan hat das gemacht – sie ist zurückgetreten. Soll man sie dafür respektieren? Ich finde nicht. Man nimmt das zur Kenntnis. Weder die Entwicklung bis zum Rücktritt noch die Anfänge ihrer Karriere als „Doktor“ begründen die Einschätzung eines „ehrvollen Verhaltens“.

Das verdienen Menschen, die sich täglich alle Mühe geben, ihre Arbeit anständig zu machen. Menschen, die andere Menschen als Vertreter wählen, weil sie glauben, dass sie von diesen in Würde und Verantwortlichkeit vertreten werden. Menschen, die sich niemals trauen würden, andere zu „bescheißen“ – aus Sorge um den eigenen Ruf, den der Familie, der Kollegen, des Vereins oder für wen auch immer sie verantwortlich sind.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.