Donnerstag, 23. November 2017

Erste-Hilfe-Apps im Test - auch lokal

Helfen – ja, aber mit dem Smartphone?

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Unser Testsieger: Die Erste-Hilfe-App des Samariterbund ├ľsterreich

 

Rhein-Neckar, 01. M├Ąrz 2013. (red/jkr) Ob Verkehrsunfall, verschluckte Erdnuss oder Herzinfarkt – urpl├Âtzlich muss man Ersthelfer sein. Und dann? 73 Prozent der Menschen haben Angst, etwas falsch zu machen. Nicht unberechtigt, denn nur 3,5 Prozent der Befragten konnten die richtige Reihenfolge der zu treffenden Ma├čnahmen an einem Unfallort nennen. K├Ânnen Erste-Hilfe-Apps im Notfall helfen? Wir haben einige unter die Lupe genommen.

Von Johanna Katharina Reichel

Wer hat nicht schon einmal auf der Autobahn im Stau gestanden, weil ein Unfall passiert ist? Wer hat nicht schon einmal im Freundes- oder Bekanntenkreis von einem Herzinfarkt geh├Ârt? Wer hat nicht als Kind irgendetwas angestellt, was ihn oder sie in Gefahr brachte?

Jedem von uns kann fr├╝her oder sp├Ąter in eine Situation kommen, in der wir als Ersthelfer gefragt sind. Doch liegt bei rund 40 Prozent der Erste-Hilfe-Kurs schon ├╝ber zehn Jahre zur├╝ck. Das ergab eine Studie des Samariterbunds ├ľsterreich. Viele Rettungsorganisationen haben daher so genannte ÔÇťErste-Hilfe-AppsÔÇŁ rausgebracht, die den Laien zur Ersthilfe ermutigen sollen.

Wir haben diese Apps auf Herz und Niere gepr├╝ft mit der Frage: Taugen sie im Notfall wirklich etwas?

Acht Erste-Hilfe-Apps im Test

Unter dem Stichwort ÔÇťErste HilfeÔÇŁ fanden wir spontan acht verschiedene Apps, die sich auf medizinische Notf├Ąlle f├╝r Laien spezialisiert haben. Das sind: Erste-Hilfe-App Malteser, Erste Hilfe DRK, eErste Hilfe Rotes Kreuz, ASB Helfer, Notfall-Hilfe (Pass Consulting Group), Erste Hilfe (bronczesko), Audi BKK Notfall-Hilfe, Samariterbund ├ľsterreich

Die erste Frage war einfach: Welche dieser Apps w├╝rde der durchschnittliche deutsche B├╝rger installieren? Das schloss alle kostenpflichtigen und unseri├Âs wirkenden Apps aus. Kostenpflichtig ist nur die App der DRK. Als unseri├Âs sahen wir Apps an, bei denen Warnungen vor Kostenpflicht oder Telefonstatus/Identit├Ąt-Auslesung zu finden waren. Darunter fielen die eErste Hilfe-App des Roten Kreuz und die Erste-Hilfe-App von bronczesko.

Das lie├č f├╝nf Apps zum Test auf einem Android-Smartphone ├╝brig. Diese lassen sich in zwei Gruppen teilen: die kleinen und die gro├čen Apps. Die ASB-Helfer App und die App des Samariterbunds ├ľsterreich haben ├╝ber zwanzig MB Gr├Â├če. Die Erste-Hilfe-App der Malteser, die Notfall-Hilfe der PASS Consulting Group und die Audi BKK Notfall-Hilfe sind alle kleiner als drei MB.

Erste-Hilfe-App Malteser:
Vom Men├╝ der Erste-Hilfe-App der Malteser aus kommt man direkt zum Erste-Hilfe-Algorithmus bei Verkehrsunf├Ąllen. Alle anderen Notf├Ąlle sind auch zu finden, allerdings sind sie sehr versteckt. Bei den Erkl├Ąrungen enth├Ąlt die App keinen Text sondern ein Bild, das die Erinnerung an den Erste-Hilfe-Kurs wecken soll. Allerdings war nicht jedes der Bilder selbsterkl├Ąrend und auch die Diagnose eines Schocks kann man als Laie nicht immer einfach so stellen. Als besonders negativ fiel uns auf, dass die ÔÇťZur├╝ckÔÇŁ-Taste des Telefons die komplette App schlie├čt. Insgesamt ist diese App eine nette Erinnerung, wenn man den Kurs lebensrettende Ma├čnahmen noch im Kopf hat, allerdings nicht f├╝r den Notfall geeignet.

Notfall-Hilfe (Pass Consulting Group):
Dass ein Konzern zur Firmenberatung eine App zur ersten Hilfe ver├Âffentlicht, hat uns erst einmal stutzig gemacht. Allerdings erwies sich diese App als erstaunlich n├╝tzlich. Hier werden in kurzen Stichpunkten die Verhaltensma├čnahmen f├╝r die wichtigsten Notfallsituationen abgearbeitet. Die Men├╝f├╝hrung ist sehr einfach und intuitiv und die App enth├Ąlt zwei Zusatzfunktionen.
Man kann zus├Ątzlich eigene Notfalldaten hinterlegen und nach GPS-Bestimmung den n├Ąchsten Arzt nach Fachrichtung, die n├Ąchste Klinik, Apotheke oder Polizeistation suchen lassen. In dieser App war im Gegensatz zu der App der Malteser ein Abschnitt zur Reanimation von Kindern vorhanden. Nach kurzer medizinischer Recherche erwiesen sich diese Angaben jedoch als inkorrekt. Insgesamt n├╝tzlicher als die Malteser-App und f├╝r eine Notfallsituation geeignet.

Audi BKK Notfall-Hilfe:
Diese App enth├Ąlt genau dasselbe wie die Pass-App. Diese Texte sind gleich, die Bilder durch gleichwertige ersetzt. Das Layout allerdings ist anders. W├Ąhrend Pass in rotorange gehalten ist, ist das Audi-App wei├č und mit einem sympathischen Hauptmen├╝ ausgestattet. Nicht nur ist die App dadurch besser zu lesen, sie hat auch zus├Ątzlich eine Lichtfunktion. Im Notfall ist es sehr sinnvoll, wenn man das Handy als Taschenlampe nutzen kann. Ob PASS oder Audi BKK ist eine Frage des Geschmacks, beide sind f├╝r Notfallsituationen gut geeignet.

ASB Helfer-App:
Das ASB-Helfer-App ist ein wunderbares Nachschlagewerk, um das Wissen aus dem Erste-Hilfe-Kurs wieder aufzufrischen. ├ťber die einfache Bedienung kommt man schnell zu dem gesuchten Text und kann dort sehr gute, detaillierte Texte finden. Auch diese App hat einen Abschnitt ├╝ber Reanimation von Kindern, der leider fachlich falsch ist. Als einzige der getesten Apps hat diese App keine eingebaute Notruffunktion. Das Wichtigste ist jedoch, dass diese App keine kurzen Listen f├╝r Notfallsituationen enth├Ąlt und daher f├╝r diese ungeeignet ist.

Samariterbund ├ľsterreich:
Diese App hat eine intuitive Steuerung und kann wie alle anderen mit und ohne Internet seine Informationen anzeigen. Hier sind auch keine Notfalllisten zu finden, aber es gibt Kurzerkl├Ąrungen zu den einzelnen Ma├čnahmen (z.B. stabile Seitenlage). Allerdings sind diese Erkl├Ąrungen auch in einem Flie├čtext, allerdings einem sehr kurzen und klar verst├Ąndlichen. Auch diese App enth├Ąlt die Reanimation und sichere Seitenlage von Kindern, als einzige App sogar fachlich korrekt. Insgesamt eine wirklich sehr empfehlenswerte und vollst├Ąndige App f├╝r die wichtigsten Notfallsituationen.

Eine Anmerkung zu allen Apps:
Die meisten Handys haben als Grundeinstellung einen Bildschirmschoner, das hei├čt, der Bildschirm wird nach wenigen Sekunden der Nichtbenutzung schwarz. Dies schalten die Apps auch nicht aus. Somit muss man sein Handy alle paar Sekunden wieder aktivieren und kann es nicht als praktische Hilfe einfach neben sich legen. Auch muss man oft handeln, w├Ąhrend man liest. Es ist also schwer, wenn man keine zweite Person dabei hat. Tipp: Es n├╝tzt nichts, so eine App auf dem Handy zu haben, um vorbereitet zu sein – man sollte sich schon vor einem Notfall mit dem Programm besch├Ąftigt zu haben, um keine wertvolle Zeit mit dem Lernen der Bedienung oder dem Suchen von Informationen zu verschwenden.

Von den getesteten Apps ist die App des Samariterbund ├ľsterreich unser Sieger. Hier stimmen alle Informationen, die Bedienung und Men├╝f├╝hrung ist einfach und man gelangt blitzschnell zu guten, pr├Ągnanten Informationen. Auf dem zweiten Platz stehen die App Notfall-Hilfe der Pass Consulting GmbH und die App Audi BKK Notfall-Hilfe.

Helfen diese Apps wirklich?

Es ist eine sch├Âne Idee, aber ich habe noch nie erlebt, dass jemand zu etwas benutzt hat. Erste Hilfe muss im Vorfeld ge├╝bt werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand in einem Notfall auf die Idee kommt, eine App runterzuladen, um zu wissen, was er oder sie jetzt machen soll,

sagt Ralf Mittelbach von der Freiwilligen Feuerwehr Weinheim. Die Feuerwehr hat auch schon selbst dar├╝ber nachgedacht, solche Apps zu verwenden. Eine ├ťberlegung waren zum Beispiel Tablet-PCs im Einsatz, um schneller an Informationen zu kommen. Hierbei ging es allerdings nicht um Informationen zu erster Hilfe, sondern zum Beispiel zu Gefahrengut und wie damit umzugehen ist.

Derzeit nutzen wir unsere Fachliteratur, Apps sind eher eine Erg├Ąnzung.

Was die Feuerwehr gerade testet, ist das App ÔÇťDefi Now!ÔÇŁ. Mit dieser App ist man in der Lage, schnell den n├Ąchsten AED, einen automatisierten externen Defibrillator, zu finden. Diese h├Ąngen in vielen gr├Â├čeren Geb├Ąuden f├╝r Notf├Ąlle aus. Auch ein Laie kann mit den Erkl├Ąrungen des AED einen bewusstlosen Patienten behandeln. Man muss das Ger├Ąt nur anschalten, die Pads der Erkl├Ąrung nach auf den Brustkorb des Patienten kleben und der Rest wird vom Ger├Ąt gemacht.

Die App ÔÇťDefi Now!ÔÇŁ ist 392 KB gro├č und zur Zeit noch in der Testphase.

Wir haben der App alle lokal bekannten AEDs gemeldet. Leider sind noch nicht alle eingetragen, da Aktualisierungen nicht immer sofort vorgenommen werden. Solche Apps werden leider unterschiedlich gut gepflegt,

sagt Ralf Mittelbach.

Anm. d. Red.: Die Autorin dieses Artikels machte ein Kurzpraktikum in unserer Redaktion. Da sie angehende Ärztin ist, konnte ihre Expertise für diesen Artikel genutzt werden.

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.