Donnerstag, 20. September 2018

Gasautos in der Metropolregion: (K)eine Zeitbombe?

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Mannheim/Heidelberg/Rhein-Neckar, 13. MĂ€rz 2013. (red/zef). Ein vermeintlich ungefĂ€hrlicher Auffahrunfall ereignete sich am 29.08.2012 in Passau: Niemand wurde schwer verletzt. Die Geschwindigkeit der Fahrzeuge war gering, betrug zwischen 30 und 40 km/h. Aber eines der Fahrzeuge war ein Gasauto und der Tank wurde beschĂ€digt. In kĂŒrzester Zeit bildete sich ein explosives Gas-Luft-Gemisch, was von der Polizei aber nicht erkannt worden ist. Gesichert wurde die Unfallstelle erst, nachdem die Feuerwehr angerĂŒckt und die gefĂ€hrliche Situation erfasst hatte. Vorbereitet war man darauf allerdings auch bei der Passauer Feuerwehr nicht. Die Gefahrenstelle konnte nicht unmittelbar entschĂ€rft werden. Wie sind die Feuerwehren und Polizeistationen in der Metropolregion auf solch einen Fall vorbereitet?

Von Ziad-Emanuel Farag

Stadtbrandinspektor Andreas Dittelmann von der Feuerwehr Passau zufolge, habe die Rettunsgstelle einen gewöhnlichen Gasauto-Unfall gemeldet. Schwer verletzt wurde niemand.

Bei einer Geschwindigkeit von 30-40 km/h fuhr ein Auto auf ein anderes auf. Vor Ort hörten wir ein lautes Zischen.

Es kam aus einem Gasauto. Der Gastank war beschÀdigt.

Daraufhin nahm die Feuerwehr Messungen vor und stellte fest, dass ein explosives Gas-Luft-Gemisch vorlag. Auf diese Situation war sie nicht vorbereitet. Laut Dittelmann habe nicht einmal der ADAC gewusst, was genau zu tun sei:

Weder der ADAC, noch die herbeigerufenen Abschleppunternehmen wussten, was man dagegen genau tun könne. Man riet uns aber, keinesfalls an der Anlage „rumzuschrauben“ und abzuwarten, bis das Zischen aufhört. Daher sperrten wir die Straße ab und ließen das Gas kontrolliert entweichen. Wir bannten die Gefahr schließlich unter Einsatz von WassersprĂŒhnebel.

Die Feuerwehr Passau stellt sich nun besser auf solche Ereignisse ein:

Wir haben daraus gelernt und haben seitdem unsere Schulungen ĂŒber alternative Antriebsarten intensiviert und dies nicht nur fĂŒr UnfĂ€lle mit „Elektroautos“, sondern auch fĂŒr Gasautos.

Die Polizei erkennt die Gefahr nicht

Nicht nur die Feuerwehr ist gefordert. Bei normalen AuffahrunfĂ€llen ist die Polizei die erste Anlaufstelle. Am heikelsten war die Lage vor dem Eintreffen der Feuerwehr: Es bestand Explosionsgefahr, ein Funke an der Stelle hĂ€tte genĂŒgt. Da wĂ€re es wichtig gewesen, dass die Polizei die Unfallstelle entsprechend sichert. Das geschah laut Dittelmann nicht:

Von der brenzligen Situation wusste bis zu unserem Eintreffen aber niemand: Das Gas war weder zu sehen noch im Freien zu riechen, daher war auch die Unfallstelle nicht großrĂ€umig abgesperrt.

Eine solide Vorbereitung ist daher umso wichtiger. Auf den Vorfall angesprochen Ă€ußert sich Klaus Robl, Polizeihauptkommissar von der Polizei Passau:

Die Beamten konnten nicht auf den ersten Blick erkennen, dass es sich bei einem der beschÀdigten Fahrzeuge um ein gasbetriebenes Auto gehandelt hat. Erst nachdem zusÀtzlich Gasaustritt festgestellt worden war, wurden weitere FeuerwehrkrÀfte alarmiert und die Unfallstelle weitrÀumiger abgesperrt.

Die Gefahrenerkennung ist entscheidend

Laut Dittelmann ist die Gefahrenerkennung das Wichtigste:

Auslaufende Betriebsstoffe gibt es oft bei VerkehrsunfÀllen. Bei Fahrzeugen mit Kraftstoff wie Benzin oder Diesel sehen Passanten oder EinsatzkrÀfte vor Ort jedoch direkt den Austritt des Benzins und sperren alles um das Auto herum ab.

FĂŒr Robl besteht dennoch kein Grund, die Polizisten in praktischen Übungen dafĂŒr zu schulen:

Die Verhaltensweisen, die sich nicht wesentlich von denen bei UnfĂ€llen mit herkömmlichen Fahrzeugen unterscheiden, waren den eingesetzten Beamten bekannt. Entsprechende MerkblĂ€tter der Feuerwehr stehen auch PolizeikrĂ€ften zur VerfĂŒgung.

Der ADAC Nordbaden gibt vermeintlich Entwarnung

Besteht bei Gasautos bei jedem – eigentlich glimpflichen – Unfall schneller Explosionsgefahr? Thomas HĂ€tty vom ADAC Nordbaden gibt Entwarnung:

Bei unseren durchgefĂŒhrten Tests zu AuffahrunfĂ€llen und FahrzeugbrĂ€nden wurden keinerlei Unterschiede zwischen gas- und benzinbetriebenen Fahrzeugen festgestellt.

Nach Informationen des ADAC sind die GasbehĂ€lter durch Ventile so abgesichert, dass selbst bei heftigen Crashs oder BrĂ€nden keine Explosionsgefahr besteht. In Passau sei just dieses Ventil unglĂŒcklicherweise beschĂ€digt worden, so der Passauer Polizeihauptkommissar Robl.

Nach aktuellem Stand handelte es sich bei dem Unfall in Passau also um einen Ausnahmefall. Dennoch sollten sich die Feuerwehren auf solche FÀlle vorbereiten. Doch was, wenn beispielsweise ein Schulbus im Hochsommer eine solche Unfallstelle passiert und ein Funken eine Explosion auslöst? Den gegebenenfalls schwer Verletzten oder gar Toten ist mit der Einsicht, dass es sich hierbei um eine Ausnahme handelt, nicht geholfen.

Die Gefahr in der Metropolregion

FĂŒr die Metropolregion Rhein-Neckar ergibt sich daher zunĂ€chst folgende Frage: Wie viele Gasautos gibt es hier? Denn je mehr Gasautos es gibt, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein solch seltenes Szenario eintritt.

An gasbetriebenen Kraftfahrzeugen fehlt es in der Metropolregion Rhein-Neckar nicht: Allein in Mannheim, Heidelberg, Ludwigshafen sowie dem Rhein-Neckar-Kreis, dem Neckar-Odenwaldkreis und dem Landkreis Bergstraße in Hessen gibt es laut dem Kraffahrt-Bundesamt 6.646 gasbetriebene Fahrzeuge. Wie gut sind nun die Feuerwehren und Polizeistationen darauf vorbereitet?

Bei der Polizei Heidelberg und Mannheim finden keine praktischen Übungen statt. Beide beschrĂ€nken sich auf ein elektronisches Lernprogramm, um ihre Polizisten zu schulen.

Die Feuerwehr in Mannheim geht mit dem Thema schon anders um. Thomas Jaqui, Ausbilder bei der Feuerwehr Mannheim, erklÀrt:

Praktische Übungen, um Gefahrenstellen verschiedenster Art mit verströmenden Gas zu sichern, gehören zu unserem festen Programm in der Aus- und Fortbildung. In Tiefgaragen ist es zum Beispiel schon hĂ€ufiger vorgekommen, dass aus Autos Gas entwichen ist.

In Heidelberg hingegen hĂ€lt man sich bedeckt. Harald Olbert von der Feuerwehr Heidelberg möchte keine schrifliche Stellungnahme abgeben. Dies sei von der Amtsleitung nicht erwĂŒnscht.

Es bleibt zu hoffen, dass sich eine solche Haltung, wie die der Polizeien in Mannheim oder Heidelberg sich nicht eines Tages rĂ€cht. Denn mit jedem weiteren Gasauto auf unseren Straßen wĂ€chst die potenzielle Gefahr.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.