Donnerstag, 23. November 2017

Das aussterbende Sch├╝lerVZ wird abgeschaltet

Ausgegruschelt

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Rhein-Neckar, 11. April 2013 (red/ms) In den letzten Jahren hat das Sch├╝lerVZ mehr als vier Millionen Mitglieder verloren. Nachdem die Massen zu Facebook abwanderten, sind nur noch 200.000 Benutzer bei der Seite angemeldet. Darunter sind so viele gef├Ąlschte Profile, dass das Netzwerk von vielen als „FakeVZ“ verspottet wird. Jetzt soll dem ein Ende bereitet werden. Auf der Website verk├╝nden die Betreiber: „Wir machenÔÇÖs kurz: Es ist vorbei. sch├╝lerVZ wird am┬á30. April 2013┬ágeschlossen. F├╝r immer.

Kommentar: Minh Schredle

Als das Sch├╝lerVZ vor sechs Jahren startete, war ich gerade mal zw├Âlf Jahre alt. Am Anfang war ich noch skeptisch. Das rosafarbene Design war f├╝r pubertierende Jugendliche aber auch wirklich f├╝rchterlich feminin. Trotzdem, in meinem Bekanntenkreis setzte es sich durch und pl├Âtzlich hatte es jeder. Nat├╝rlich wollte man dazu geh├Âren.

Ich glaube, in meiner alten Schulklasse gab es niemanden, der nicht zumindest f├╝r eine kurze Zeit einen Account hatte. F├╝r die meisten wurde es dann zur Gewohnheit, sich t├Ąglich einzuloggen. Man guckte nach, ob man neue Nachrichten bekommen hatte, chattete ein bisschen oder noch viel wichtiger f├╝r uns Heranwachsende: Man inszenierte sich. Denn das ging im Sch├╝lerVZ so gut, wie sonst nirgendwo.

Auf seinem Profil konnte man Angaben ├╝ber fast alles machen. „Lieblingsfilme“, „Was ich mag“ und „├ťber mich“ waren aber nicht einfach Felder zum Ausf├╝llen, sondern Chancen, sich cool darzustellen.

Das Highlight waren die Gruppen. Es gab Gruppen, in denen man einfach sein musste, um in seinem Freundeskreis nicht als seltsam zu wirken. Gruppen, die vermeintlichen Humor bewiesen (Etwa: „Wann sterbe ich endlich, weil ich keine Kettenbriefe beantworte?!“) und wenn man selbst eine Gruppe gr├╝ndete, die richtig viele Mitglieder bekam, trug das in unseren Kreisen etwa so sehr zum Status bei, wie eine imposante Yacht unter Superreichen.

Allgemeine Jugends├╝nde

Aber wir alle wurden ├Ąlter. Irgendwann sch├Ąmte man sich dann ├╝ber seine kindische Eigendarstellung. Dann kam Facebook. Das wirkte reifer, erwachsener… cooler. Die meisten hatten zwar noch ihr Benutzerkonto bei Sch├╝lerVZ, aber kaum noch jemand nutzte es. Mit Facebook war man jetzt mit allen seinen Freunden verbunden, nicht nur mit seinen Schulfreunden.

Nach und nach wurde Sch├╝lerVZ immer mehr zur Jugends├╝nde. Man spottete ├╝ber Funktionen wie „gruscheln“ – ein Mischwort aus „gr├╝├čen“ und „kuscheln“, das dem „anstupsen“ bei Facebook entspricht – oder den „Buschfunk“, wie der Chat hie├č.

Mittlerweile bedaure ich, dass ich meinen Sch├╝lerVZ-Account vor etwa zwei Jahren gel├Âscht habe. Es w├Ąre wirklich interessant und wahrscheinlich enorm lustig gewesen, jetzt noch einmal mit f├╝nf Jahren Abstand zu sehen, wie ziemlich Cooles absolut l├Ącherlich wurde.

Dass das Sch├╝lerVZ am 30. April verschwinden wird, finde ich ein wenig bedauerlich. Vielen meiner Freunde geht es ├Ąhnlich. Niemand w├╝rde es noch ernsthaft benutzen wollen. Niemand wird es vermissen. Trotzdem ist es irgendwie traurig, dass es in zwanzig Tagen einfach weg sein wird. Schlie├člich war das Sch├╝lerVZ unweigerlich ein wichtiger Teil meiner fr├╝hen Jugend – zumindest ein Jahr lang.

F├╝r die vier Millionen Nutzer, die das Sch├╝lerVZ in den letzten Jahren verlassen haben, hat die L├Âschung keine allzu gro├če Relevanz. F├╝r die Betreiber ist es eine Katastrophe. 2007 hatte die Holtzbrinck Verlagsgruppe noch 85 Millionen Euro f├╝r das Netzwerk bezahlt. In sp├Ąteren Verhandlungen wurden ├ťbernahmeangebote von Facebook ausgeschlagen. Im September 2012 kaufte die Investmentgesellschaft Vert Capital MeinVZ, StudiVZ und Sch├╝lerVZ. Eigentlich sollten die angeschlagenen VZs mit einem neuen Image zu neuer Popularit├Ąt gelangen. Der Plan ging gewaltig schief. Jetzt, nur ein halbes Jahr sp├Ąter, ist endg├╝ltig Schluss.

 

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.