Freitag, 24. November 2017

Gabis Kolumne

Das Kreuz mit dem Kreuz

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stimmen

Rhein-Neckar, 16. September 2013. N├Ąchsten Sonntag ist Bundestagswahl und wer die Wahl hat, hat bekanntlich auch die Qual. Gabi macht sich dar├╝ber so ihre eigenen Gedanken. Und auch, wenn sie schon wei├č, wo sie ihre Kreuze machen wird, ist sie damit nicht wirklich zufrieden.

musterstimmzettel_Btw2013Wissen Sie schon, wen bzw. was Sie w├Ąhlen? Ich wei├č es, aber ich bin alles andere als gl├╝cklich dar├╝ber. Die Entscheidung ist wie die zwischen Pest und Cholera. Wenn ich meine Kreuzchen machen werde, mache ich es nicht aus ├ťberzeugung, sondern weil ich die anderen NICHT w├Ąhlen kann aus ├ťberzeugung.

Die Parteien in der Mitte sind ohne Profil und angef├╝hrt von Menschen ohne Charisma. Wie sch├Ân war es noch als es Politiker wie Strau├č gab, da konnte man sich aufregen und w├╝ten, da konnte man Position beziehen. Jetzt w├Ąhlt man zwischen langweilig und unsympathisch.

Vorbei die Zeiten der dramatischen Gesten und Anekdoten: Brandts Kniefall oder der junge Schroeder, der angeblich als junger Mann vor den Toren des Bundeskanzleramtes – im betrunkenen Zustand ÔÇô an den Toren r├╝ttelte und rief, ÔÇ×ich will hier reinÔÇť.

Heute gibt es nur noch Aufreger, wenn Steinbr├╝ck den Stinkefinger zeigt. Von den Medien und der Opposition vollkommen ├╝berbewertet, aber wer mag’s ihnen verdenken, wo der Wahlkampf sonst wenig Pers├Ânliches bietet.

Das Kreuz der Erstw├Ąhler

Mein Sohn geh├Ârt zu den Erstw├Ąhlern, was wird seine Wahl entscheiden? ÔÇ×Die Merkel kann ich nicht w├ĄhlenÔÇť, erkl├Ąrt seine Freundin, ÔÇ×denn sie ist gegen die Adoption bei homosexuellen PaarenÔÇť und sie habe schlie├člich schwule Freunde. Ein anderer Jungw├Ąhler meinte, ÔÇ×Deutschland geht es doch richtig gut, warum sollte ich dann die Opposition w├Ąhlen?ÔÇť

Ist es der Wahlkampf der Nischen? Entscheiden Tierschutz, Homoehe oder Kopft├╝cher ├╝ber die n├Ąchste Regierung?

Auch eine meiner Kolleginnen ist Erstw├Ąhlerin, sie ist Engl├Ąnderin und lebt seit fast 40 Jahren in Deutschland. All die Jahre durfte sie ihre Stimme nicht abgeben, doch vor zwei Jahren hat sie sich einb├╝rgern lassen und ist jetzt ganz verzweifelt. In all den vergangenen Jahren habe sie immer gewusst, wen sie w├Ąhlen w├╝rde, doch jetzt ÔÇ×ich wei├č es wirklich nichtÔÇť.

Richtig links oder doch lieber „liberal“

ÔÇ×Ich glaub‘, ich w├Ąhle in diesem Jahr links und zwar richtig linksÔÇť, erkl├Ąrte eine Freundin beim M├Ądelsabend und erntete entsetzte Blicke. ÔÇ×Bei den Wahlplakaten wei├č ich wenigstens, wof├╝r sie stehen, alle anderen dreschen doch nur hohle Phrasen.ÔÇť

Die Angst vor Rot-Rot-Gr├╝n wird die konservativen W├Ąhler best├Ąrken, der schon tot geglaubten FDP m├Âglicherweise nochmals eine Gnadenzeit zu gew├Ąhren (nicht in Bayern), denn letztlich m├Âchte man den ÔÇ×LiberalenÔÇť, den schlechten Erben der gro├čen Politiker wie Genscher und Co., nicht den Todessto├č erteilen.

Wir hier im S├╝den, im L├Ąndle, waren vor drei Jahren bei den Landtagswahlen noch mutig nach vorne geprescht und hatten der ÔÇ×schwarzenÔÇť Regierung nach Jahrzehnten eine Absage erteilt und einer gr├╝n-roten Regierung das Vertrauen ausgesprochen. Doch die Ern├╝chterung ist gro├č, der Stuttgarter Bahnhof wird gebaut und eine ├╝bereilte Schulreform sorgt f├╝r unausgegorene Schulformen wie Gemeinschaftsschulen und Lehrerabbau. Da hilft auch nicht, wenn man den Landesvater grunds├Ątzlich sympathisch findet.

Der Wahlausgang wird demnach wohl auch h├Âchst unspannend. Alles wird bleiben wie es ist. Es sei denn, die FDP wird die 5-Prozent-H├╝rde nicht nehmen, dann wird eine gro├če Koalition wahrscheinlich, aber ist das die bessere Alternative?

Ich wei├č, wo ich am Sonntag eine Kreuzchen machen werde, aber ├╝berzeugt bin ich nicht davon.

gabi

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.