Sonntag, 17. Dezember 2017

Ruhig und besonnen eingeschritten – und dabei selbst zu Schaden gekommen

Vorfall mit Folgen während der Kerwe

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Auf dem Foto zu sehen sind v. l.: Markus Krämer, Eva Soyk, BM Jürgen Kirchner, Ingo Willing und PHK Gerhard Kronimus. Foto: Stadt Hemsbach


Hemsbach, 05. November 2013. (red/pm) Tausende Besucher zieht es alljährlich am ersten Augustwochenende zur „urigsten Kerwe an der Bergstraße“ nach Hemsbach. Sie wollen Spaß haben, sich mit Freunden treffen, ausgelassen feiern. So wie Eva Soyk, Markus Krämer und Ingo Willing. Doch für die drei kam es anders, zu deren Leidwesen und mit Spätfolgen bis heute.

Information der Stadt Hemsbach:

„Wir saßen auf der Rathausmauer gegenüber dem Max, unterhielten uns und sahen, wie drei Mädels anfingen, Biergläser Richtung Rathaus zu werfen“, erzählt Krämer – und schritt ein. Ganz ruhig ging er auf die drei jungen Frauen, die er als „sehr kräftig“ beschreibt, zu und sprach sie an.

Die Reaktion kam prompt: Eine der drei versetzte Krämer einen harten Stoß, der daraufhin förmlich nach hinten flog, wie er schildert. Dann intervenierte auch Eva Soyk. Sie versuchte ebenfalls mittels eines Gesprächs, die drei Frauen zu beschwichtigen. Ohne Erfolg. Stattdessen wurde sie von einer der drei Randaliererinnen so stark angerempelt, dass die zierliche Frau hart auf den Boden stürzte.

„Dann ging plötzlich alles sehr schnell“, erzählt Krämer, noch heute von dem Geschehen sichtlich bewegt, weiter. Es kam zu einem Handgemenge mit weiteren körperlichen Angriffen. Just in dem Moment, als das Ganze zu eskalieren drohte, griffen zwei Polizisten in Zivil ein: „Sie waren sofort da. Das war unser Glück“, sagt Ingo Willing.

Mehrere Schürfwunden und ein Oberschenkelbruch

Während er selbst und Krämer relativ glimpflich davonkamen, ging die Sache für Eva Soyk schlimm aus: Neben mehreren Schürfwunden erlitt sie einen Oberschenkelbruch. Die Verletzung war so schwer, dass sie bis heute auf eine Gehhilfe angewiesen und immer noch in physiotherapeutischer Behandlung ist. Auch psychisch lastet das Ereignis schwer auf ihr.

Als wenigstens kleines „Trösterchen“ wurden Eva Soyk, Markus Krämer und Ingo Willing für ihr so besonnenes wie couragiertes Eingreifen jetzt von Bürgermeister Jürgen Kirchner empfangen und mit einer kleinen Aufmerksamkeit belohnt. „Wir haben von den Ausmaßen dieses Vorfalls erst vor kurzem erfahren“, erklärte der Rathauschef. Es sei mehr als bedauerlich, wenn ausgerechnet jemand, der ruhig und vernünftig gegen blinde Zerstörungswut einschreite, zu Schaden komme.

Kirchner dankte den dreien dafür, dass sie nicht weggesehen hätten: „Sie haben Zivilcourage bewiesen und damit ein Zeichen gesetzt. Damit sind sie Vorbild für viele andere.“ Für die vielen Menschen, die in unmittelbarer Nähe das Geschehen beobachtet, aber nicht eingegriffen hatten, lässt sich das nicht unbedingt sagen. „Aber wie gesagt: Es ging alles sehr schnell“, macht Krämer ihnen keinen Vorwurf.

Nicht immer ist es der Alkohol

Aggressives Verhalten bis hin zur Gewaltanwendung bei größeren Festen nehme immer mehr zu, bemerkte Hauptkommissar Kronimus, der in dem Fall ermittelte. Und nicht immer ist zu viel Alkohol im Spiel, berichtet er: „Manche bringen einfach schon diese latente Wut mit auf solche Feste.“ Kirchner stimmte dem Polizeihauptkommissar zu. „Solche Vorfälle sind allerdings kein ausschließliches Hemsbacher Phänomen, sondern leider eine ganz allgemeine und sehr traurige Entwicklung, die man im Auge behalten muss.“

Darauf befragt, ob sie trotz dieser sehr negativen Erfahrung wieder so handeln würden, müssen alle drei keine Sekunde überlegen: Das dreistimmige „Ja“ kommt sofort. Soyk, Erzieherin in einem Kindergarten im Mannheimer Stadtteil „Jungbusch“ – „wahrlich keine heile Welt“, sagt sie –, hat sich trotz allem nicht nur eine gesunde Portion Idealismus bewahrt. „Wenn ich eine gefährliche Situation wahrnehme, gehe ich hin und reagiere, fast automatisch, genauso, wie ich dazwischen gehe, wenn zwischen den Kindern die Bauklötze fliegen. Da denkt man nicht lange nach, schon gar nicht an die möglichen Konsequenzen für einen selbst.“

Zwei gute Ratschläge von Gerhard Kronimus allerdings haben die drei beherzigt: Sie werden demnächst ein entsprechendes Training absolvieren – und unmittelbar vor ihrem nächsten mutigen Einschreiten zuerst einmal die Polizei anrufen.“

Über Alina Eisenhardt

Alina Eisenhardt (23) ist seit 2012 freie Mitarbeiterin bei uns, macht Redaktion, schreibt Texte und ist für "Unsere Metropolregion - Newsletter" verantwortlich. Sie studiert Psychologie.