Donnerstag, 23. November 2017

Das Hemsbacher Brennessel-Kino gewinnt Jahr um Jahr F├Ârderpreise

„Wert, im Kino gezeigt zu werden“

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Die Brennessel ist ein Kino mit besonderem Charme.

 

Hemsbach, 20. Dezember 2013. (red/ld) Die Brennessel in der Landstra├če 35 gibt es seit 1927. Die Menschen in der Umgebung sch├Ątzen das Kino f├╝r sein Programm, das in den vergangenen Jahren mehrfach ausgezeichnet worden ist – auch in diesem Jahr. Statt der industriellen Atmosph├Ąre moderner Multiplex-Kinos verstr├Âmt es einen nostalgischen Charme, den es sich noch von seinen Anf├Ąngen in den 1920er Jahren bewahrt hat.

Von Lydia Dartsch

„Heute abend gehen wir in die Brennessel.“ Mit einem Satz wisse rund um Hemsbach jeder, was am Abend passieren wird, sagt Inhaber J├╝rgen Bieler. Er ist froh ├╝ber diesen – wie er findet – ausgefallenen Namen f├╝r sein mehrfach ausgezeichnetes Programmkino an der Landstra├če. Seit 86 Jahren werden hier Filme gezeigt. Im Jahr 1927 hie├č es noch „Union Lichtspiele“, wie es noch heute ├╝ber dem Eingangsschild in roten, verwaschenen Buchstaben steht.

Im Jahr 1982 bekam es seinen heutigen Namen „Brennessel“. Den Grund wisse er nicht, sagt Herr Bieler. Die damaligen Betreiber h├Ątten alles anders machen wollen, sagt er: Gelangte man damals noch von der Eingangst├╝r direkt in den Vorf├╝hrraum, wurde das Kino umgebaut. Aus einem wurden zwei Kinos├Ąle mit 45 und 120 roten Pl├╝schsesseln. Aus einer kleinen Nische heraus werden Eintrittskarten, Getr├Ąnke und Naschwerk verkauft. Der Vorraum erinnert mit einem gro├čen Esstisch, einer Sitzecke und den dekorativen alten Filmprojektoren eher an ein Wohnzimmer und verleiht ihm einen gem├╝tlichen Charme und Jugendstilatmosph├Ąre. An das unangenehm juckende Kraut erinnert nichts. J├╝rgen Bielers Theorie:

„Brennessel“ ist wahrscheinlich aus einer saufseligen Laune heraus entstanden.

Seit 1997 f├╝hrt er das Kino. Davor hat er hier neben seinem Studium als Filmvorf├╝hrer gearbeitet und ist „h├Ąngengeblieben“, wie er sagt. Er schmiss das Studium und ├╝bernahm das Kino als die Vorbesitzer nicht mehr wollten. Ge├Ąndert hat er den Namen nicht. „Warum auch?“ fragt er. „Brennessel“ sei schlie├člich einzigartig f├╝r ein Kino. In Suchmaschinen werde er sofort gefunden.

Neben der gem├╝tlichen Atmosph├Ąre und seiner g├╝nstigen Eintrittspreise von derzeit 6,50 Euro zeichnet sich die Brennessel vor allem durch ihr Programm aus, f├╝r das sie seit 1997 fast jedes Jahr von der MFG Filmf├Ârderung Baden-W├╝rttemberg ausgezeichnet wurde. Nur einmal habe er den Einreichungstermin verpasst, sagt J├╝rgen Bieler. In den vergangenen zwei Jahren wurde es auch vom Beauftragten der Bundesregierung f├╝r Kultur und Medien (BKM) ausgezeichnet. Das Geld, das J├╝rgen Bieler im Zuge dieser Auszeichnungen erh├Ąlt, nutze er, um das Kino zu modernisieren: Die Sessel beispielsweise oder die Projektoren.

 

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J├╝rgen Bieler war fr├╝her Vorf├╝hrer in der Brennessel. Im Jahr 1997 ├╝bernahm er das Kino. Seitdem wird es jedes Jahr f├╝r sein Programm ausgezeichnet.

 

Bei der Auswahl der Filme sind f├╝r J├╝rgen Bieler zwei Dinge besonders wichtig: Der Geschmack seines Publikums und sein eigener. Er sei der erste in der Region gewesen, der seinen Besuchern „Ziemlich beste Freunde“ gezeigt hatte. Das sei ein richtig guter Film gewesen, sagt der Kinobetreiber. Dass er sich einmal zum Blockbuster entwickeln w├╝rde, habe damals noch niemand geahnt. Bei allen anderen Kinos sei er erst viel sp├Ąter angelaufen.

Die Filme, die er aussucht, richten sich vor allem an Erwachsene zwischen 30 und 50 Jahren. Viele seiner Besucher seien Lehrer, sagt J├╝rgen Bieler. Deshalb suche er auch Filme aus, die sie ansprechen: Beispielsweise „Fack ju g├Âhte“ oder Charlotte Links „Exit Marakkesch“.

Manchmal kann J├╝rgen Bieler nicht anders, als einen Film zu zeigen, egal ob dieser ein Kassenschlager wird oder nicht. Dann schl├Ągt sein eigener Geschmack durch, der nur ein einziges Kriterium kennt: Eine spannende funktionierende Story. „Jung und Sch├Ân“ sei ein solcher Film. Ein Fan von Effektschlachten sei er nicht, sagt er und gibt zu, ein Fan der Kinderbuchreihe „Harry Potter“ zu sein. Die Filme seien aber mit jeder Fortsetzung schlechter geworden. Die Geschichte habe unter den Effekten sehr gelitten sagt er. Dann doch lieber eine runde Geschichte – ob die Menschen in Scharen kommen oder nicht:

Diese Filme sind es einfach wert, im Kino gezeigt zu werden.

Gro├če Filmh├Âhepunkte, wie „Ziemlich beste Freunde“ und „The King’s Speech“ im vergangenen Jahr, habe es dieses Jahr nicht gegeben, sagt Herr Bieler. Ein schlechtes Jahr f├╝r das Programmkino. Gute Aussichten sieht er f├╝r „Der Medicus“, weil das Buch so bekannt ist.

Viel Zeit zum Filme schauen hat Kinobetreiber Bieler nicht. Als Besitzer und „M├Ądchen f├╝r alles“ erledige er viel B├╝roarbeit, Messebesuche, Filmkritiken lesen. Das Programmheft muss geschrieben werden und braucht ein Layout. Auch Eink├Ąufe wie Knabbereien, Getr├Ąnke und S├╝├čigkeiten erledigt er. Wie viel Arbeit hinter einem Kino steckt, habe er nicht gewusst, als er das Kino ├╝bernommen hatte und sagt selbst, er sei „blau├Ąugig“ und „naiv“ gewesen. Um die Fimvorf├╝hrungen und die G├Ąste k├╝mmern sich seine zw├Âlf Mitarbeiter. Er selbst w├╝rde sich aber nicht an die Kinokasse stellen – seiner speziellen Art wegen, sagt er.

Zwei Filme liegen J├╝rgen Bieler besonders am Herzen: „Twelve Monkeys“, in dem Brad Pitt eine seiner besten Rollen gespielt hat – jedenfalls, wenn es nach ihm ginge. Der zweite ist Roberto Begignis „Das Leben ist sch├Ân“. Den wolle er nur im Kino sehen. Einen richtigen Lieblingsfilm habe er aber nicht. Daf├╝r habe er zu viele Filme gesehen. Genauso verhalte es sich mit Lieblingsregisseuren und -schauspielern, sagt er:

Ich habe viele schlechte Filme von guten Regisseuren gesehen und genauso viel gute Schauspieler in schlechten Rollen.

 

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Das 1927 gegr├╝ndete Kino in der Landstra├če 35 hie├č fr├╝her „Union Lichtspiele“. Die Schrift ist heute noch an der Fassade zu lesen.

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Nein, King Kong sitzt nicht im Kassenh├Ąuschen. Keine Angst.

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Siehe da:

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In einer Ecke des Vorraums steht ein alter Filmprojektor. Von alten Kinoplakaten l├Ącheln die Stars wie Hollywoodlegende Clark Gable.

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├ťber Lydia Dartsch

Lydia Dartsch (31) hat erfolgreich ihr Volontariat beim Rheinneckarblog.de absolviert und arbeitet nun als Redakteurin. Die studierte Politikwissenschaftlerin und Anglistin liebt Kino, spielt Gitarre und sportelt gerne.