Montag, 20. November 2017

Imagekampagne aus der "Odenwaldhölle"

Herzapfel aus dem Paradies

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Foto: Landratsamt Kreis Bergstraße

Der Erlös der Aufkleber-Aktion „Ich bin ein OdenwĂ€lder“ fließt in weitere Therapiemaßnahmen der jungen Grasellenbacherin Joline Kolb. Das Bild zeigt neben Joline, Landrat Matthias Wilkes (links) sowie Mutter Jeanette Kolb und Bruder Leon. Foto: Landratsamt Kreis Bergstraße

 

Kreis Bergstraße/Rhein-Neckar, 21. Januar 2014. (red/ld) Die FAS-Redakteurin Antonia Baum bescherte mit ihrem SchmĂ€hartikel ĂŒber die von ihr bezeichneten „Odenwaldhölle“ dem Landkreis Bergstraße eine heiße Debatte und – indirekt – eine neue Imagekampagne: „Ich bin ein OdenwĂ€lder“ erklĂ€rt Landrat Matthias Wilkes seit Freitag auf seinem Auto. FĂŒr 50 Cent pro StĂŒck werden die Aufkleber in den RathĂ€usern der Odenwald-Gemeinden sowie in den Touristeninformationen verkauft. Der Erlös soll einem neunjĂ€hrigen MĂ€dchen zu Gute kommen, das seit ihrer Geburt körperlich behindert ist. Von Lydia Dartsch

In der Neujahrsausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) beschrieb Antonia Baum mit „Dieses StĂŒck Germany“ ihre Jugend in der „Enge“ und „Einöde“ des Odenwalds. HĂ€tte sie ihren Heimatort nicht verlassen, wĂ€re sie Drogendealerin geworden oder gestorben, schreibt sie in dem Artikel.

Gezielt, gefeuert, getroffen: Der Artikel schlug ein wie eine Bombe. Landrat Matthias Wilkes verlangte in einem offenen Brief eine Richtigstellung, bezeichnete den Text als „bodenlose Frechheit“. Bei uns erhielt die Veröffentlichung der Stellungnahme 1.500 Facebook-Likes.

Der Text tauge als SchullektĂŒre, antwortete FAZ-Feuilletonchef Claudius Seidl. Er reihe sich ein in das literarische Genre der Gebietsbeschimpfungen. Dies bestĂ€tige die QualitĂ€t des Odenwalds als literarische Landschaft.

Als „nicht sonderlich originell“ bewertete hingegen der Germanist und Medienwissenschaftler Prof. Dr. Jochen Hörisch von der UniversitĂ€t Mannheim den Text im Interview mit uns. Als geradezu paradiesisch, also als genaues Gegenteil der Hölle, beschreibt Landrat Wilkes den Odenwald auf das FAZ-Schreiben in seiner Stellungnahme:

Wir können unserem Herrgott vielmehr dankbar sein, dass er gerade fĂŒr Familien und Kinder weiterhin einen Platz bereithĂ€lt, an dem in engem sozialen Zusammenhalt Werteorientierung und WertmaßstĂ€be noch vermittelt und gelebt werden und damit gerade fĂŒr junge Menschen eine ideale Basis und Grundlage darstellen, stabile Persönlichkeiten zu entwickeln.

Die Region biete viele kulturelle und Freizeitangebote. Zudem gebe es viel Natur. Im Vergleich zu Berlin, sei es ein Privileg im Odenwald zu leben, schreibt der Landrat und fĂŒhrt als Argument an, dass sogar ein MedizinnobelpreistrĂ€ger und der Formel1-Weltmeister Sebastian Vettel sich die Region als Lebensmittelpunkt ausgesucht haben. Das sage viel ĂŒber die QualitĂ€t aus, heißt es in der Antwort von Landrat Wilkes.

Egal, ob man mit einem solchen Text eine ganze Region und die Menschen, die gerne darin leben derart verunglimpfen darf oder ob der Text gar als SchullektĂŒre taugt. Als LehrstĂŒck könnte der Fall durchaus dienen: Nicht nur, weil er Frau Baum fĂŒr kurze Zeit ein bisschen mediale Aufmerksamkeit beschert und sie in ihrer alten Heimat weniger berĂŒhmt als berĂŒchtigt gemacht hat.

Indirekt bescherte die Feuilletonistin dem Odenwald einen Imagekampagne – zumindest einen Anfang hierfĂŒr. Denn die Region bekam dadurch nicht nur selbst viel Aufmerksamkeit. Man stellte fest, dass man an der Außenwirkung arbeiten muss.

1.000 Aufkleber in 45 Minuten vergriffen

„Ich bin ein OdenwĂ€lder“ soll deshalb kĂŒnftig auf den Autos von Einheimischen und Besuchern des Odenwalds zu lesen sein. Seit Freitag gibt es den Aufkleber mit Herz-Apfel-Motiv in den RathĂ€usern der Odenwald-Gemeinden und Touristeninformationen fĂŒr 50 Cent zu kaufen. Landrat Matthias Wilkes war der Erste, der am Freitag seinen Wagen mit dem Aufkleber versah. Die restlichen 999 Aufkleber der ersten Auflage waren bereits nach 45 Minuten vergriffen. Das Landratsamt ließ 2.000 Aufkleber nachdrucken. In einer Pressemitteilung schrieb Landrat Wilkes gestern, wie sehr ihn dieser Zuspruch freue:

Es ist sensationell, wie viele OdenwĂ€lder sich mit Ihrer Region identifizieren und den wunderbaren Aufkleber den Mitarbeitern in den RathĂ€usern geradezu aus den HĂ€nden reißen.

Der Erlös des Aufklebers kommt der neunjĂ€hrigen Joline Kolb zu Gute, die von Geburt an körperlich behindert ist. Sie ist die Tochter der ersten Apfelprinzessin Jeanette Kolb aus Grasellenbach. Das Geld soll fĂŒr Therapiezwecke verwendet werden, heißt es dazu in der AnkĂŒndigung des Landratsamts. Die heute neunjĂ€hrige Joline sei als FrĂŒhchen zur Welt gekommen. Kurz nach der Geburt war eine zelebrale Bewegungsstörung – eine nicht heilbare LĂ€hmung – diagnostiziert. Seit ihrem sechsten Lebensjahr sitzt Joline im Rollstuhl, so die Pressemitteilung.

Nach heutigem medizinischen Stand werde sie niemals laufen können. Ihre Familie habe dies vor Herausforderungen gestellt. Eine davon sei gewesen, das Haus barrierefrei umzubauen. Bereits dabei halfen der Familie verschiedene Spendenaktionen dabei, die dafĂŒr notwendigen Ausgaben zu bezahlen.

Ob Frau Baum sich auch einen Aufkleber „Ich bin ein OdenwĂ€lder“ besorgt hat, ist nicht bekannt.

Foto: Landratsamt Kreis Bergstraße

Die Erstauflage des Aufklebers von 1.000 StĂŒck war am Freitag nach 45 Minuten vergriffen. Ab heute gibt es Nachschub: Das Landratsamt ließ 2.000 neue Aufkleber drucken. Foto: Landratsamt Kreis Bergstraße

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.

  • Christiane Hennrich

    Heimatland lieb Heimatland

    Es ist kaum zu glauben welche BlĂŒten die FAS
    Veröffentlichung trÀgt. Kommt nun der wirtschaftliche Aufschwung durch neu
    kreierte Odenwaldprodukte, oder sind wir einfach nur diejenigen die sich vor
    den Karren spannen lassen und durch politisch vernebelte Sicht den Über-
    Durchblick verloren haben? Ab wann besteht die Gefahr sich der LĂ€cherlichkeit
    preis zu geben? Ich denke Fasching, die fĂŒnfte Jahreszeit wird es richten, die
    BĂŒttenreden sind schon geschrieben und warten auf ihren Einsatz uns als
    „OdenwĂ€lder“ vollends zur Lachnummer zu machen.

    Wer ein bisschen Zeit investiert, wird einige Àhnliche
    Berichte wie die von Frau Baum finden und Seiten wie â€žĂŒberleben in einer
    korrupten Provinz“ haben bisher niemanden bemĂŒĂŸigt Wellen zu schlagen, Sticker
    zu kreieren oder VolksaufstÀnde zu verursachen! Doch warum ist es diesmal
    anders, wieso dieses urplötzliche Wir-GefĂŒhl? GrundsĂ€tzlich gibt es gegen ein
    WIR nicht zu sagen und schön wenn es im Zusammenhang mit Heimatverbundenheit
    auftritt, doch sollte dies glaubwĂŒrdig
    geschehen und nicht in Form eines „Gegen Frau Baum“ –Aktionismus!

    Derzeit werden wir schlicht und ergreifen politisch
    missbraucht und merken es noch nicht einmal. Landrat und Genossen reiben sich
    HÀnde, tingeln mit Rundfunk und Fernsehen durch die Lande um die Schönheit und
    kulturell glĂ€nzende Region feil zu bieten. Braucht’s dafĂŒr einen Landrat der
    uns unsere Landschaft zeigt und warum lassen wir es zu, dass gerade unsere
    verschwenderischen Leuchtturmbauenden „Sonnenkönige“ sich auf unsere Kosten
    profilieren? Sogar Abgeordneter Peter Stephan (CDU) lĂ€sst sich nun in der Zeitung als der „OdenwĂ€lder“ Stephan
    bezeichnen. Politiker die stur auf
    Tourismus bauen, die uns systematisch von den Metropolregionen abgehÀngt haben,
    die zusehen werden, wenn demnÀchst Schulen in der lÀndlichen Region geschlossen
    werden, die zur Finanzierung ihrer Luftschlösser den Steuerzahler bluten
    lassen!

    Völlig absurd wird es, wenn wir den herrschenden gestatten Unfrieden zu sÀhen und Lager
    Spaltung zu betreiben. Öffentliche MeinungsĂ€ußerungen die nicht in den
    gewĂŒnschte „ ich bin STOLZ ein OdenwĂ€lder zu sein“ Stream hineinpassen, als
    stören und hinderlich empfunden werden, sollen im Keim erstickt werden.
    BĂŒrgermeister werden angehalten gewisse „Gruppierungen“ in Schach zu halten,
    sie zu diffamieren und verstummen zu lassen! Und alles unter dem Deckmantel von
    STOLZ, EHRE und VATERLAND!? Fragt mal die Nachkriegsgeneration wie die solche
    AuswĂŒchse einschĂ€tzt und damit meine ich nicht die Statisten, die derzeit
    taktisch vor der Kamera platziert werden!! SpÀtestens ab hier sollte das Denken
    einsetzen, sollte der gesunde Menschenverstand das Regiment ĂŒbernehmen.

    Heimat ist wichtig und notwendig, Heimat ist die Umgebung wo
    der Mensch sich aus unterschiedlichen GrĂŒnden niederlĂ€sst, oder auch
    hineingeboren wird, wo die frĂŒhen Sozialisationserlebnisse stattfinden, die
    weithin IdentitĂ€t, Charakter, MentalitĂ€t, Einstellungen und schließlich auch
    Weltauffassungen prĂ€gen. Und genau aus diesen GrĂŒnden sollten wir anfangen
    unsere Heimat zu gestalten, die richtigen Fragen zu stellen und sollten dringen
    aufhören den Schönrednern das Feld zu ĂŒberlassen.

    Ich möchte mich nicht ĂŒber den Artikel von Frau Baum
    definieren lassen und wer möchte das eigentlich ĂŒberhaupt!? Fangt endlich an
    die richtigen Fragen zu stellen, sagt laut wie Ihr Euch eure Heimat vorstellt
    und nutzt Eure demokratischen Rechte. Blindes Folgen war schon immer der
    falsche Weg, da reicht ein intensiver Blick in die Geschichte um das zu
    verstehen!