Dienstag, 21. November 2017

"Jede Schule ist ein Spezialfall"

Gemeinschaftsschule werden und bleiben

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Rhein-Neckar, 08. Oktober 2014. (red/ld) Mindestens 40 Sch├╝ler braucht eine Schule pro Jahrgang, um als Gemeinschaftsschule zugelassen zu werden – also 2 mal 20. Diese Zahlen m├╝ssen sie langfristig nachweisen. Wer darunter liegt, hat keinen Anspruch auf die Einrichtung einer Gemeinschaftsschule, hat┬áder Verwaltungsgerichtshof Mannheim aktuell entschieden. Kurios: Bestehende┬áGemeinschaftsschulen k├Ânnen deutlich weniger Sch├╝ler pro Jahrgang haben.

Von Lydia Dartsch

Die vor drei Jahren gestarteten Gemeinschaftsschulen werden gut angenommen, sagt Endrik Ebel vom Staatlichen Schulamt in Mannheim. Seit Mitte September gibt es im Schulbezirk Mannheim insgesamt neun Gemeinschaftsschulen. Das Schulamt ist zust├Ąndig f├╝r Mannheim und Heidelberg sowie f├╝r den Rhein-Neckar-Kreis und den Neckar-Odenwald-Kreis und betreut darin 77.000 Sch├╝ler/innen. Damit kommen im Schulbezirk Mannheim auf eine Gemeinschaftsschule 8.556 Sch├╝ler/innen. In ganz Baden-W├╝rttemberg mit 1.140.000 Sch├╝lker/innen (Stand 2013/14) gibt es eine Gemeinschaftsschule pro 5.455 Sch├╝ler/innen. In absoluten Zahlen betrachtet liegt der Schulamtsbezirk Mannheim also weit unter Landesdurchschnitt.

Die erste Gemeinschaftsschule im Bezirk Mannheim war im Schuljahr 2012/13 die┬áElsenztalschule in Bammental. Ein Jahr sp├Ąter kamen f├╝nf weitere dazu. F├╝r dieses Jahr gab es sechs Antr├Ąge, allerdings wurden nur drei in Schwetzingen, St. Leon-Rot und Eppelheim bewilligt. Die Leimbachtalschule in Dielheim, die Karl-B├╝hler-Schule in Meckesheim und die Schule am Limes in Osterburken gingen leer aus. Die Prognosen f├╝r die Sch├╝lerzahlen h├Ątten nicht ausgereicht, sagt Herr Ebel.

Das Einzugsgebiet des staatlichen Schulamts Mannheim umfasst die St├Ądte Mannheim und Heidelberg sowie den Rhein-Neckar-Kreis und den Neckar-Odenwald-Kreis. Foto: Ministerium f├╝r Kultus, Jugend und Sport (bearbeitet)

Das Einzugsgebiet des staatlichen Schulamts Mannheim umfasst die St├Ądte Mannheim und Heidelberg sowie den Rhein-Neckar-Kreis und den Neckar-Odenwald-Kreis. Foto: Ministerium f├╝r Kultus, Jugend und Sport (bearbeitet)

 

Bis zum Stichtag am 01. Juni 2014 hatten 12 weitere Schulen beantragt, ab dem Schuljahr 2015/16 Gemeinschaftsschule zu werden, sagt Herr Ebel auf Anfrage. Darunter die Karl-Drais-Schule in Heddesheim und die Friedrich-Schiller-Schule in Hemsbach. Verglichen mit dem Vorjahr hat sich also die Anzahl der┬áAntr├Ąge verdoppelt. Wie viele der Antr├Ąge genehmigt werden, kann Herr Ebel noch nicht absch├Ątzen. Die ersten Visitationen seien bereits in den Sommerferien vorgenommen worden. Jetzt laufen noch die weiteren Pr├╝fungen: „Erfahrungsgem├Ą├č d├╝rften es zwischen sechs und zehn Schulen schaffen“, sagt er.

Eines der Kriterien f├╝r die Einrichtung einer Gemeinschaftsschule – neben dem p├Ądagogischen Konzept – ist die Sch├╝lerzahl. Laut ┬ž8a Ziffer 2 des Baden-W├╝rttembergischen Schulgesetzes muss eine Gemeinschaftsschule mindestens zweiz├╝gig sein – also pro Jahrgang mindestens zwei Klassen anbieten k├Ânnen. Das hei├čt, dass in jedem Jahrgang mindestens 2 mal 20┬áSch├╝ler angemeldet sein m├╝ssen. Und diese Zahlen m├╝ssen von der Prognose her auch f├╝r die kommenden Jahre┬áerreicht werden, sagt Endrik Ebel. Wie gro├č dieser Zeitraum ist, k├Ânne man aber nicht sagen. Daf├╝r seien die Prognosen zu komplex und w├╝rden mit jedem Jahr in die Zukunft ungenauer.

„Jede Schule ist ein Spezialfall“

Wie weit im voraus dies berechnet wird, k├Ânne man so einfach nicht sagen. Die Pr├╝fung sei sehr komplex mit bis zu 15 Kriterien, die in die┬áBeurteilung einflie├čen. Dazu geh├Âren Daten wie die Lage der Kommune, wirtschaftliche Faktoren, geplante Neubaugebiete, Anbindungen an die ├Âffentlichen Personennahverkehr. „Als Absicherung ziehen wir die Geburten in den vergangenen zehn Jahren heran. Diese Kinder werden im Alter von┬ázehn Jahren eine weiterf├╝hrende Schule besuchen.“

Dabei sei jede Schule ein Einzelfall┬áund die Kriterien werden jeweils┬áunterschiedlich gewichtet. Eine Berechnungsformel oder ein Computerprogramm, mit dem man diese Prognosen berechnen kann, gibt es nicht. Beispielsweise liegt Heddesheim mitten im Ballungsgebiet und die Karl-Drais-Schule ist nicht optimal an den ├Âffentlichen Personennahverkehr angebunden. Sch├╝ler aus Wallstadt seien bisher in Mannheim zur Schule gegangen, sagt Herr Ebel: „Man kann nicht absehen, ob sie das in den kommenden Jahren beibehalten oder ob sie doch nach Heddesheim gehen.“ Die Anbindung an den ├Âffentlichen Nahverkehr habe den Eltern bisher nichts ausgemacht, bei ihrer Entscheidung f├╝r die Karl-Drais-Schule. Dagegen sei nicht abzusehen, ob sich die Hirschberger Sch├╝ler k├╝nftig mehr in Richtung Schriesheim oder Weinheim orientieren, statt weiterhin nach Heddesheim zu gehen.

 

Lange nicht sicher: Die Karl-Drais-Schule in Heddesheim will ab dem n├Ąchsten Schuljahr Gemeinschaftsschule werden. Sie muss aber die Anforderungen an Sch├╝lerzahlen und an das p├Ądagogische Konzept erf├╝llen.

Entscheidung noch offen: Die Karl-Drais-Schule in Heddesheim will ab dem n├Ąchsten Schuljahr Gemeinschaftsschule werden. Sie muss aber die Anforderungen an Sch├╝lerzahlen und an das p├Ądagogische Konzept erf├╝llen.

 

Einen anderen Fall stelle Hemsbach dar: „Das grenzt an drei Seiten an Hessen und nebenan bietet Weinheim alle Schularten an“, sagt er. Die gro├če Unbekannte sei beispielsweise, wie viele Sch├╝ler/innen aus Hessen die Gemeinschaftsschule nach Hemsbach ziehen wird und wie viele Sch├╝ler aus Hemsbach an die weiterf├╝hrenden Schulen nach Hessen gehen – beispielsweise nach Heppenheim oder Bensheim.

Wird einer Schule langfristig weniger als zwei mal 20┬áSch├╝ler in den┬áEingangsklassen prognostiziert, wird der Antrag definitiv abgelehnt. Ausnahmen gibt es seit der ├änderung des Schulgesetzes zum 01. August nicht mehr. Ein grunds├Ątzliches Recht auf die Einrichtung einer Gemeinschaftsschule gibt es aber nicht, wie der Verwaltungsgerichtshof Baden-W├╝rttemberg am 12. August entschieden hatte. Die┬áGemeinden Igersheim, Obersontheim und W├Ąschenbeuren hatten gegen die Entscheidung des┬áRegierungspr├Ąsidiums Stuttgart geklagt, da die┬áAntr├Ąge┬ánicht bewilligt wurden┬á– bei 22 Anmeldungen war die Zweiz├╝gigkeit nicht gew├Ąhrleistet.

Bestehende Gemeinschaftsschulen k├Ânnen einz├╝gig werden

M├╝ssen bestehende Gemeinschaftsschulen jetzt um ihre Existenz f├╝rchten? Nein. Denn diese k├Ânnen auch deutlich weniger Sch├╝ler pro Jahrgang haben, bevor die Kommune sich Gedanken machen muss. Die f├╝r die Einrichtung geforderte Zweiz├╝gigkeit kann sich auf eine Einz├╝gigkeit zur├╝ck entwickeln. Erst wenn es weniger als 16 Neuanmeldungen in einem Jahrgang gibt, wird laut ┬ž30 des Schulgesetzes ein regionaler Schulentwicklungsprozess in Gang gesetzt und die Kommune muss sich darum k├╝mmern, wie die Schule weiterbetrieben werden kann – beispielsweise in einem Schulzweckverband mit einer anderen Kommune.

Erst wenn zwei Jahre in Folge weniger als 16 Kinder pro Jahrgang angemeldet werden und kein Antrag auf eine schulorganisatorische Ma├čnahme gestellt wird, wird die Schule im folgenden Schuljahr geschlossen, ist in ┬ž 30b Ziffer 2 des Schulgesetzes vorgeschrieben. Dies gilt unabh├Ąngig von der weiterf├╝hrenden Schulform, also auch f├╝r Realschulen und Gymnasien. „Dann muss der Schultr├Ąger, also die Kommune t├Ątig werden, um die Schule zu erhalten“, sagt Herr Ebel.

Stabile, verl├Ąssliche Schulen gewollt

Diese Regelung ist bewusst gro├čz├╝gig – man┬áwolle eine Schule nicht schlie├čen, wenn┬áes einmal einen Einbruch bei den Geburten gebe. Bis die Zahl der Neuanmeldungen von 2 mal 20┬áSch├╝lern auf unter 1 mal 16 rutscht, kann viel Zeit vergehen, die die Kommune nutzen kann, um sich Gedanken ├╝ber den Erhalt der Schule zu machen.

Noch ist das im Schulamtsbezirk Mannheim nicht n├Âtig. „Unsere Schulen sind alle mindestens zweiz├╝gig“, sagt Herr Ebel. Die Martin-von-Adelsheim-Schule in Adelsheim sei sogar dreiz├╝gig. Die Karl-Friedrich-Schimper-Schule in Schwetzingen, die in diesem Jahr erst Gemeinschaftsschule geworden ist, sogar vierz├╝gig.

Gemeinschaftsschulen sind beliebt

Wegen des gro├čen Andrangs in Bammental wurde die dortige Elsenztalschule in diesem Schuljahr ausnahmsweise sogar dreiz├╝gig. 75 Kinder gehen dort in die f├╝nfte Klasse. „Wir h├Ątten sonst Sch├╝ler abweisen m├╝ssen“, sagt Herr Ebel. Doch die Landesregierung wolle, dass die Eltern die zur Verf├╝gung stehenden Schulformen f├╝r ihre Kinder frei w├Ąhlen k├Ânnen. Insgesamt 86 Kinder hatten sich angemeldet, sagt Peter Fanta, der Recktor der Elsenztalschule. Den gro├čen Zustrom macht er am Ruf der Schule fest, die bereits vor acht Jahren – noch als Werkrealschule – das Unterrichtsprinzip der Differenzierung eingef├╝hrt hat. „Nun bieten wir auch Hauptschul- Realschul- und Werkrealschulabschl├╝sse an, und die Kinder k├Ânnen sogar anschlie├čend aufs Gymnasium gehen“, sagt Herr Fanta.

Den gro├čen Andrang auf die Gemeinschaftsschulen erkl├Ąrt Endrik Ebel vom staatlichen Schulamt Mannheim mit den Vorteilen des p├Ądagogischen Konzepts an den Schulen. Seit die verpflichtende Grundschulempfehlung in Baden-W├╝rttemberg abgeschafft wurde, m├╝ssten vor allem Realschulen mehr Sch├╝ler/innen unterschiedlichster Lernniveaus unterrichten:

Die Eltern trauen den Gemeinschaftsschulen zu, dass sie mit diesem hohen Ma├č an Heterogenit├Ąt zurecht kommen.

Auch im ├╝brigen Baden-W├╝rttemberg gibt es immer mehr Gemeinschaftsschulen. 81 neue ├Âffentliche Gemeinschaftsschulen gibt es in diesem Schuljahr – insgesamt sind jetzt 209 in Betrieb. Im vergangenen Schuljahr begannen 87 Gemeinschaftsschulen – damit hat sich die Zahl der neuen Schulen ab dem zweiten verdoppelt und auf diesem Niveau gehalten. Ganz offenbar wird diese Schulform nicht nur gut, sondern sehr gut angenommen. Derzeit gibt es landesweit 76 Antr├Ąge f├╝r 2015/16 – 12 davon im Schulamtsbezirk Mannheim. Wer von ihnen ab n├Ąchstem September den Schulentwicklungsprozess abschlie├čen kann, wird im Januar von Kultusminister Andreas Stoch entschieden.

Neue Gemeinschaftsschulen wurden hier beantragt:

 Angelbachtal  Sonnenberg-Schule Grund- und Werkrealschule
 Elztal  Elztalschule Grund- und Werkrealschule
 Heddesheim  Karl-Drais-Schule Grund- und Werkrealschule
 Helmstadt-Bargen  Grafeneckschule Helmstadt, Grund- und Werkrealschule Helmstadt-Bargen
 Hemsbach  Friedrich-Schiller-Werkrealschule
 Limbach  Schule am Schlossplatz Werkrealschule der Gemeinden Limbach-Waldbrunn-Fahrenbach
 Mühlhausen  Kraichgauschule Mühlhausen Grund- und Werkrealschule
 Sinsheim  Theodor-Heuss-Schule Grund- und Werkrealschule
 Wiesloch  Gerbersruh-Werkrealschule
 Dielheim  Leimbachtalschule Grund- und Werkrealschule
 Meckesheim  Karl-Bühler-Schule Meckesheim Grund- und Werkrealschule
 Osterburken  Schule am Limes Grund- und Werkrealschule Osterburken
├ťber Lydia Dartsch

Lydia Dartsch (31) hat erfolgreich ihr Volontariat beim Rheinneckarblog.de absolviert und arbeitet nun als Redakteurin. Die studierte Politikwissenschaftlerin und Anglistin liebt Kino, spielt Gitarre und sportelt gerne.